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Kann man alte Möbel aus der Gründerzeit heute noch verwenden?

Die Gründerzeit, eine Stilepoche des Historismus, bezeichnet die kurze Ära enormen Wohlstands während der Industrialisierung in Deutschland im 19. Jahrhundert. Sie begann mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 durch Bismarck und endete kurz darauf durch den Börsenkrach 1873.

An historische Stilrichtungen angelehnt

Entsprechend des Reichtums und dem damit verbundenen hohen Lebensstandard während der Gründerzeit war Stil und Design von Kleidung über Häuser bis hin zu den Möbeln sehr pompös. Allgemein lehnte sich Architektur und Innenarchitektur sehr an historische Stilformen, es entstand der Neobarock, die Neugotik und die Neorenaissance. Dennoch fand man in Deutschland einen sehr eigenständigen Gründerzeitstil.

Besonders alte Möbel aus der Gründerzeit sind sehr kantig in ihrer Grundform. Durch eine reiche Ausschmückung mit verschiedenen Elementen, wie Säulen, Kapitellen, Basen, Kannelierungen und bekrönende Aufsätze wirken kantige alte Möbel aus der Gründerzeit weich, gemütlich und einladend. Alte Möbel repräsentieren den Gründerzeitwohlstand neben den reichen, kunstvoll geschaffenen Verzierungen vor allem durch den wuchtigen, großen Bau. Kleine alte Möbel aus der Gründerzeit gibt es kaum. Man findet eher hohe Anrichten, Vitrinen, Buffets und Kommoden, die allesamt mit großem handwerklichem Geschick hergestellt wurden.

Alte Möbel auch heute noch verwendbar

Auch heute noch sind die, meist aus Nussbaum oder Eichenholz bestehenden Gründerzeitmöbel bei vielen Antiquitätenliebhabern sehr geschätzt. Dabei ziehen alte Möbel mit ihren sehr schönen und bildhaften Verzierungen den Betrachter in seinen Bann. Bücher, Vögel, Blätterranken und andere Symbole lassen alte Möbel aus der Gründerzeit spannend werden und der Phantasie über vergangene Zeiten freien Lauf. Und wer gerade dies von seinem Mobiliar erwartet, der kann schöne, alte Möbel aus der Gründerzeit mit Freuden verwenden.

Die Gründerzeit – ein deutsches Phänomen

Das Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 ist zugleich der Beginn der Gründerzeit in Deutschland. Aufgrund der Reparationszahlungen durch Frankreich, erlebte Deutschland einen wirtschaftlichen Aufschwung, der u. a. durch rasant fortschreitende Industrialisierung, den Ausbau der Eisenbahn, den Bau architektonisch prächtig gestalteter Häuser und repräsentativer Einrichtungsgegenstände geprägt war. Deutschland und sein Volk „gönnte“ sich wieder etwas.

Möbel als Repräsentationsobjekte

Die Möbel der Gründerzeit stellten für ihre Besitzer Repräsentationsobjekte dar. Sie waren meist aus schweren Hölzern gefertigt und reich verziert. Wohlstand sollte nach außen hin durch eine opulente Wohnungseinrichtung sichtbar gezeigt werden. Das Schema der Verzierungen ist, über die gesamte Gründerzeit Epoche hinweg, recht einheitlich. Besonders auffällig sind die länglichen, pyramidenförmigen Applikationen an Schränken, Vertikos oder Kommoden. Die Füße wurden meist gedrechselt und sind als sogenannte „Kugelfüße“ der Gründerzeit bekannt. Die Möbel der Gründerzeit tragen oftmals prächtige, reich mit Pilastern und Kapitellen verzierte Aufsätze.

Gut erhaltenen Stücke selten

Während des Krieges mit Vertreibung, Hunger und Not gingen viele der Gründerzeit Möbel verloren oder wurden schlichtweg verheizt, um die bitter kalten Winter zu überstehen. Obwohl die Möbel während der Gründerzeit teilweise schon industriell gefertigt wurden und damit in relativ großen Stückzahlen verfügbar waren, sind heute sehr gut erhaltene Stücke recht selten.

Original Gründerzeit Möbel sind gesuchte Antiquitäten

Original erhaltene oder professionell restaurierte Stücke, können sehr wertvoll und entsprechend kostspielig sein. Ein sehr gut erhaltener großer Schrank aus der Gründerzeit ist schon beinahe eine Rarität. Viele Menschen finden noch heute großen Gefallen an diesen Möbeln und integrieren sie, je nach Geschmack und Geldbeutel in ein modernes Wohnambiente.

Gemeinsamkeiten von Gründerzeit und Jugendstil?

Gründerzeit und Jugendstil – was verbindet diese Stilepochen, was trennt sie? Typisches Bestreben des Jugendstils war es einen eigenständigen Weg zu finden, und nicht mehr Stile vergangener Epochen zu kopieren. Auch sollten vor allem Motive aus der Natur und schlichte Eleganz zum Tragen kommen. In der Gründerzeit jedoch war es Ziel des reich gewordenen Bürgertums den gewonnenen Reichtum auch zur Schau zu stellen. Einfacher gesagt: Man wollte protzen. Kostbare Rohstoffe wurden aufwendig verarbeitet. Die Möbel waren groß, reich beschnitzt und oft Träger einen Stilmixes vergangener Epochen, was zweifellos auf den Historismus jener Zeit zurückzuführen ist.

Glorifizierung verganener Epochen

Die Begeisterung und Glorifizierung für vergangene Epochen wurde in Sammelwut und dem Kopieren von Stilen vergangener Epochen in Kunst und Handwerk ausgedrückt. Doch konnte sich eben nur eine wohlhabende Klientel diese aufwendigen Objekte leisten. Eine Vielzahl Möbel aus der Gründerzeit wurde aus dem weniger teuren Weichholz wie Kiefer oder Fichte gefertigt. Typische Zierelemente waren Kugelfüße, kannelierte Lisenenleisten mit Schnecken, Kassettenfüllungen in Türen und profilierte Möbelplatten.

Jugendstil und Gründerzeit sind kaum zu unterscheiden

Genau diese Elemente wurden vom Jugendstil übernommen. So sind genau die einfachen Möbel des Jugendstils und der Gründerzeit kaum voneinander zu unterscheiden. Erst wenn sich das florale Schnitzwerk der erstgenannten Stilepoche findet, ist man geneigt das Möbel dem Jugendstil zuzuordnen. Ein schönes Beispiel ist der Vertiko. Handel es sich um schlichtes Objekt aus Weichholz, so ist es vor allem der Aufsatz, welcher stilistische Unterschiede offenbart. Auch schlichte Kleider- oder Bücherschränke sind häufig nicht eindeutig einer Stilepoche zuzuordnen.

Epoche der Gründerzeit

Unter der eigentlichen Gründerzeit versteht man die Jahre von 1860 bis 1890, als der durch die Industrialisierung erworbene Wohlstand auf dem Höhepunkt angelangt war und der Stilepoche des Historismus zu einem regelrechten Boom verhalf.

Tatsächlich aber datieren die Anfänge der Gründerzeit in etwa um das Jahr 1840 mit der zu dieser Zeit aufkommenden Industrialisierung, als die heute unter dem Begriff „Industrielle Revolution“ in den Geschichtsbüchern notierte Epoche begann. Der Ausdruck Gründerzeit oder Gründerväter rührt aus dem Begriff der Unternehmensgründung her, durch welche ein Mann zu Vermögen und Reichtum gelangen konnte. Das aufstrebende Bürgertum übernahm mit wachsendem Wohlstand und steigendem Selbstbewusstsein auch kulturelle Führung. Insbesondere die sich verbreitende Eisenbahn schuf eine hohe Nachfrage nach Kohle und Stahl.

Liberalismus provozierte erstmals soziale Fragen

Zwar gab es durch die Gründerzeit viele so genannte Neureiche, doch der Zuzug der verarmten Landbevölkerung in die Städte führte zur Gründung des Proletariats. Die in den neuen Betrieben der Industrialisierung hart schuftende Arbeiterschaft lebte im Zuge der Ausbeutung unter erbärmlichen Bedingungen und hatte zwar Anteil, aber keinesfalls Nutznießen am Aufschwung. So kam neben dem bürgerlichen Gedanken des Liberalismus auch die soziale Frage auf.

Gründerzeit endete jäh mit einem Börsencrash

Durch den Börsencrash von 1873 (Gründerkrach) erfuhr der wirtschaftliche Aufschwung der Gründerzeit einen empfindlichen Einbruch, der nach einer Phase der Stagnation in einem empfindlichen Abschwung endete. Allgemein hin wird diese Phase als Gründerkrise beschrieben, die auch als Auslöser für den erneut aufkeimenden Antisemitismus angeführt wird. Der jähe Abbruch der wirtschaftlichen Erfolgsphase führte damals nicht zur Erkenntnis, dass jeglicher Aufschwung irgendwann enden muss, weil grenzenloses Wachstum schlichtweg unmöglich ist. Anstelle mathematisch betriebswirtschaftlicher Erkenntnisse mussten Verschwörungstheorien das Ende der dynamischen Gründerzeit Jahre erklären, was zu einer Welle von Antisemitismus führte.